Kurzgeschichte: Warum bist du gegangen?

Warum hast du mich im Stich gelassen. Nun liege ich hier, die Sonne ist schon lange untergegangen und die Dunkelheit umgibt mich. Keiner ist da, ich liege hier allein im Bett und die Dunkelheit frisst mich auf. Warum bist du einfach gegangen? Du hast dich nicht verabschiedet. Wie konntest du mir das antun?

Heute Morgen war doch noch alles in Ordnung. Wir haben zusammen gefrühstückt und über einen Zeitungsartikel gelacht, während das Radio lief. Als du zur Arbeit aufgebrochen bist, hast du mir noch einen Kuss auf die Lippen gehaucht und mir gesagt wie sehr du mich liebst. Woraufhin ich dir mein strahlendes Lächeln schenkte und deine Hand noch einmal fest drückte. Bevor du die Tür geschlossen hast und zur Arbeit aufgebrochen bist, während ich mich an die Hausarbeit gemacht habe.

Ich räumte auf, wusch die Wäsche und ging kurz einkaufen. Als ich zurückkam, überlegte ich, was wir heute gemeinsam zu Abend essen könnten und freute mich schon, auf das Wochenende, was morgen beginnen würde. Ich schnippelte das Gemüse klein und hörte dabei Radio, während ich darauf wartete deinen Schlüssel im Schloss zu hören, so wie jeden Abend.

Doch das bekannte Geräusch ertönte nicht. Ich dachte mir nichts dabei, vermutlich machst du nur ein paar Überstunden, oder bist noch schnell bei einem Kollegen vorbeigefahren. Ich bereite das Essen fertig zu, decke den Tisch und stelle alles auf kleine Flamme, um es warm zu halten. Während ich immer wieder aus dem Fenster auf die Straße blicke, wo die Sonne langsam untergeht. Doch die Scheinwerfer deines Autos erscheinen nicht.

Mittlerweile ist die Sonne untergegangen und ich werde langsam nervös, daher rufe ich auf deinem Handy an, doch du antwortest nicht. Ich versuche, mich zu beruhigen, mir zu sagen, dass du wahrscheinlich gerade auf dem Weg zu mir bist und deswegen nicht an dein Handy gehen kannst. Ich rühre weiter gedankenverloren in der Soße und werfe einen Blick auf die Uhr. Zwei Stunden, du bist schon zwei Stunden zu spät.

Plötzlich klingelt es an der Tür und ich schrecke auf. Schnell laufe ich zur Tür und öffne, in der Hoffnung das du davor stehst. Doch da stehst nicht du, sondern zwei Fremde in Uniform.
Sie erklären mir, dass du heute auf dem Heimweg einen schweren Autounfall hattest. Sie sagen, dass leider jede Hilfe zu spät kam. Sie bekunden mir ihr Beileid, während ich spüre, dass jegliche Luft meine Lungen verlässt. Ich möchte schreien, doch kein Ton verlässt meine Lippen, während ich auf die Knie hinab sinke. Ich halte meine Hände vor mich und blicke auf sie hinab, auf den Finger mit meinem Ehering. Langsam fallen Tropfen darauf und ich brauche einen Moment, um zu verstehen, dass dies meine Tränen sind.

 

Mittlerweile ist Samstagmorgen, der erste Samstag seit acht Jahren, den ich allein verbringe, den ich ohne dich verbringe. Was würdest du tun, wenn du an meiner Stelle wärst?
Ich weiß nämlich nicht, was ich tun soll. Seit ich gestern Abend erfuhr, dass du fort bist, liege ich hier im Bett, umgeben von Decken und mit deinem Kissen an meinem Kopf, welches immer noch nach dir riecht. Wie lang dieser Geruch wohl noch bleiben wird? Wie lang kann ich mir wohl noch einreden, dass du jeden Moment durch die Tür kommst und mich in deine Arme schließt?
Wieder fällt mein Blick auf unseren Ehering, wir haben uns versprochen auf immer und ewig. Aber wo bist du, wenn ich dich brauche? Du kannst mich doch nicht einfach allein lassen!
Wieso bist du gegangen? …

Copyright: Jessica Stephens

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